Traduction

Die Leichte Hochachtung

Le texte original de Robert Wlaser que les 19 traducteurs ont traduit pour ce colloque

Ich schreibe hier ein Prosastück, worin ich jeden Satz mit einem selbstbewußten Ich anfangen will.

Ich mache hierzu ein sehr ernstes Gesicht.

Ich bilde mir ein, ich hätte vielleicht Anlaß, mir bezüglich des Gedeihens des Buchgeschäftes insofern einen Vorwurf zu machen, als ich durch eifriges Schreiben in die täglich erscheinenden Blätter, von denen man sagt, sie bedeuteten die Welt, dazu beitrage, daß das Interesse von der gehefteten und gebundenen Literatur abgelenkt und auf die gleichsam einzeln umherfliegende hindirigiert wird.

Ich behellige aber anderseits die Herren Bücherherausgeber oder Verleger in keiner Weise mit Anfragen, ob sie geneigt seien, spesenverursachende Editionen zu riskieren, indem ich Inhaber eines Nachrichtenetablissements bin, das mich mein Auskommen finden läßt.

Ich schrieb schon seit langer Zeit keinen Brief mehr, worin die Äußerung Aufstellung gefunden haben würde: «Bitte um wenn nicht sofortige, so doch möglichst förderliche Gewährung eines merklichen Vorschusses.»

Ich erblickte gestern um die Mittagszeit ein Kind, nein, zuerst eine junge, schlank gewachsene Frau, dann erst das Kind, das das Kind der erwähnten Frau zu sein schien, und das ich anlächelte, und das mir seinerseits ein Lächeln schenkte, wonach ich die Frau Mama mit einer leisen Anlächelei gleichsam grüßen zu dürfen glaubte, die dieselbe artig erwiderte.

Ich meine, es sei hübsch, eine mitmenschliche Erscheinung wahrzunehmen, die der Figur, in deren sorgfältiger Begleitung sie geht, was Gewachsenheit betrifft, kaum erst bis ans Knie reicht.

Ich bin überzeugt, daß man Augen haben muß, die ans Aufmerksamsein gewöhnt sind, um solche nahen und zugleich fernen, solche einfachen und zugleich merkwürdigen Alltagssächelchen zu sehen, die in ihrem immerwiederkehrenden Sichgleichbleiben etwas Köstliches enthalten.

Ich entfaltete heute früh die Morgenzeitung und widmete der Welt der Inserate so viel Zeit, wie nötig war, zu verschiedenen interessanten Feststellungen zu gelangen, wie zum Beispiel dazu, mir zu sagen, daß die Kinos durch Aktualität einen Vorsprung gegenüber dem Theater hätten.

Ich kam zur Beobachtung, daß berühmte Stücke sowohl in erstgenannter wie in nachher angeführter Institution gespielt werden, und ließ mich verleiten, zu glauben, daß das Theater große Opfer zu bringen genötigt sei, indem es sich an eine Tradition gebunden sähe.

Ich werde vielleicht nur ein einziges Mal während der gesamten laufenden Saison ins Theater gegangen sein, wenn sie zu Ende ist und der Frühling samt seinen Liebenswürdigkeiten herannaht.

Ich bin entschlossen, auch in diesen Tagen ein Haus unbesucht zu lassen, das der Kunst dient, und worin auch noch ein Gast von Bedeutung auftritt, damit er in einer Rolle erblickt werde, die zu aktuell ist.

Ich spreche folgende Glaubenswürdigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus: allzu starke Aktualitäten sind beinahe ein wenig lästig, vertragen sich nicht mit dem Genuß und der Inempfangnahme des Lebens oder, mit anderem Wort, der Wirklichkeit.

Ich darf übrigens die zweifellos willkommene Bemerkung aufwerfen, daß ich Frauen sehr verschiedenartig anblicke, womit ich sagen will, daß es mir gefällt, Unterschiede zu machen.

Ich passe mir sehr, dadurch, daß mir das so paßt, und wenn ich nunmehr zum Theater zurückkehre, d. h. nochmals anfange von ihm zu sprechen, so dauert es mich beinahe, weil es mitansehen muß, wie ich ihm meine Anwesenheit huldvoll entziehe.

Ich glaube das Gefühl haben zu dürfen, das Theater warte gleichsam auf meine Anteilnahme, indem es hoffe, ich würde zu bewegen sein, ihm vor dem Kino den Vorzug zu geben, dessen Vorführungen mich hauptsächlich um ihrer Weltgeschichtlichkeit willen sozusagen zu bezaubern imstande sind.

Ich verstehe hierunter etwas Distanziertes, Abgetöntes, und dann berührt mich die Technik im Kino als etwas ungemein Einnehmendes, und dann die Schnelligkeit, dieses graziöse Vorüberhuschen der Bedeutungen, als sitze man abends beim Lampenlicht in einer Herberge oder in einem Kloster oder in einer Villa oder in einem Einfamilienhaus am Tische und blättere in einem Bilderbuch, das voll unaussprechlichen Lebens ist.

Ich zolle dem Theater übrigens, wie ich sagen darf, hohe Achtung, kenne jedoch anderseits einen Sofasozialisten, der offenherzig genug war, mir das Geständnis abzulegen, er vernachlässige das Theater, trotzdem demselben seine Frau Gemahlin als ausübendes Mitglied angehöre, total.

Ich frage mich, wie kommt ein Gebildeter, wie er einer ist, zu solch einer Sprechweise, und ich beantworte diese Frage dadurch, daß ich mich bewogen wähne, zu glauben, daß er zu denjenigen gehört, die die gesamte dramatische Literatur Wort für Wort kennen.

Ich sage mir, derlei Angehörige der Jetztzeit seien gleichsam theaterlich übersättigt, und sie sähen sich lieber irgendeinen mit Blüten bedeckten oder mit Schneeflocken verzierten Baum an, als daß sie mitanzusehen und zu hören Lust haben könnten, wie etwa Doktor Faust zum Gretchen sprechen würde: «Mein schönes Fräulein, darf ich wagen», indem sie diesen Ausspruch zum soundsovielten Mal in ihrem Gedächtnis zu vernehmen Gelegenheit hatten.

Ich wage kaum zu sagen, daß das Theater mit Veraltetheiten zusammenhänge, da dies, wie manches Sonstige, schicksalshaft ist und es Neuheiten geben kann, die zu neu sind, und das Theater eine womöglich noch zu junge, zu unabgeschliffene Existenz hat, es gegenüber dem jungen, erste Schritte probierenden Leben sozusagen etwas schonungslos, grell, hart, mithin etwas aufdringlich wirkt.

Ich will diesem Aufsatz erlauben, zu Bett zu gehen, als sei er ein Knabe, den man gern beizeiten schlafen schickt.

Ich bediene mich bei allerlei Anlässen der sogenannten leichten Hochachtung.

Erstdruck: Berliner Tageblatt, Jg. 56, Nr. 537, Abendausgabe, 12.11.1927, S. [2] Mkg. 92, Nr. 1, GW IX/119-122, SW 19/112-115

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